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Warum wir nicht zu früh mit der Gartenarbeit anfangen sollten

Wenn man in den ersten halbwegs warmen Frühlingstagen in Wohnsiedlungen und Dörfer schaut, begegnet man ganz sicher den ersten Leuten, die eifrig im Garten werkeln.

Oft noch mit lauten Geräten, und gleich mit den ersten Gartenabfällen, die dann zur Grüngutsammelstelle gebracht werden.

Wobei ja schon alleine der Ausdruck Gartenabfälle zeigt, wie wir mit unseren Gärten viel zu lange umgegangen sind und immer noch umgehen. Da muss sich wirklich ganz schnell ganz Vieles ändern. Das Grüngut, das in unseren Gärten anfällt, ist nämlich mitnichten Abfall. Für Insekten, Würmer, oder Mikroorganismen sind sie die Lebensgrundlage. Ebenso für einen gesunden Boden, oder für Igel im Winterschlaf.

Aber zurück zum Frühjahrsgarteln. Die Natur macht Dinge langsam. Winterschläfer erwachen ganz langsam aus ihrem Winterschlaf, genauso, wie Pflanzen und andere kleine und große Tiere erst nach und nach aktiv werden. Wer seinem Garten und der Welt etwas Gutes tun will, passt sich also in erster Linie den natürlichen Rhythmen an.

„Ja, aber dann schaut´s überall so schlimm aus, alles liegt rum, und der Garten ist total dreckig und ungepflegt!“ ruft dann so manche:r Gartler:in entsetzt.

Ob diejenigen schon mal drüber nachgedacht haben, dass ein „gepflegter“ Garten eigentlich eher etwas Totes ist? Dass ein sauber gemähter Rasen weder Insekten, noch anderen Tieren, wie Igel oder Maulwürfen ein Zuhause bietet?

Wir finden sie ja so niedlich, die kleinen Tierchen, sind immer irgendwie betroffen, wenn wir einen toten Igel am Straßenrand sehen, oder in den sozialen Medien die halbverhungerten Fundigelchen sehen. Aber im eigenen Garten einen großen Laubhaufen bis Ende März liegen lassen? Was sagen denn da die Nachbarn?

Wir zeigen ja kollektiv gerne auf die Landwirt:innen. Die sind schuld an Artensterben und Grundwasserverschmutzung! Wir mit unseren Einfamilienhäusern oder Schrebergärten? Niemals, wir haben ja nur kleine Flächen, da werden wir es uns doch machen dürfen, wie es uns gefällt!

Naja, ganz so ist es halt dann auch nicht. Pro Jahr verkauft der Einzelhandel sage und schreibe 500 Tonnen Pestizide und Herbizide für private Gärten. Und Igel und Co. finden in unseren Gärten schon lange kein Zuhause mehr. Kein Wunder, dass diese kleinen Wildtiere mittlerweile fast alle zu den bedrohten Arten gehören.

Für eine gesunde Umwelt braucht es nicht nur eine Agrarwende, es braucht eine Denk-Wende. Wir müssen endlich alle, ganz gesamtgesellschaftlich, gründlich überdenken, was wir „schön“ und „gepflegt“ finden, und was wir als „verwildert“, scheußlich oder sonstwie vernichtenswert ansehen.

Verwilderte Gärten müssen unbedingt eine breite Mehrheit finden. Wo das Gras wachsen darf, die Büsche nur minimale Schnitte zu günstigen Jahreszeiten bekommen, so dass sie weder beim Brüten, noch beim Nisten, noch beim Winterschlaf stören. Wo Insekten Nahrung und Schutzräume finden, wo nicht zwischen Nutzkraut und Unkraut unterschieden wird.

Wir müssen (wieder) anfangen, Dinge leise, vorsichtig und achtsam zu tun. Mehr in Verbindung mit der Natur zu erschaffen, als gegen die Natur zu kämpfen.

Jetzt im Frühjahr ist eine gute Zeit, um dafür den Grundstein zu legen. Nicht im Februar mit Axt, Motorsäge und Hänger anrücken und alles rausschneiden, was „unordentlich“ aussieht. Vielleicht wäre es besser, man würde sich die viele Arbeit sparen, und die Zeit darauf verwenden, der Natur beim langsamen Aufwachen zuzusehen? Vielleicht sogar selbst in dieser Zeit ein bisschen aus dem Winterschlaf aufzuwachen? In die Natur lauschen, die ersten Sonnenstrahlen genießen, tief durchatmen?

Dann könnten auch die Igelchen wieder bei uns in den Gärten einziehen oder, falls sie sich doch mal dahin verirrt haben, in Ruhe ausschlafen und sich erstmal den Bauch vollhauen.

Vielleicht könnte man ihnen dann sogar ein bisschen Katzenfutter und Wasser hinstellen, damit sie es leichter beim Start in das Jahr haben?

Im Sommer wird es uns der Igel danken, indem er genüsslich schmatzend und wahnsinnig niedlich grunzend nachts die Schnecken im Garten vernichtet.

Aber das wird eben alles nix, wenn man jetzt anfängt, wie die sprichwörtliche Axt im Walde im Garten rumzuhacken.

Lasst Euch Zeit. Atmet erstmal durch. Die Gartenarbeit rennt ganz bestimmt nicht weg, wenn man sie ein paar Wochen nach hinten verschiebt.

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