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Mitgefühl

Ich träume von einer Welt, in der es keine verhungerten Kinder, keine Ungerechtigkeit, keine Ausbeutung gibt. Ich träume von einer Welt, in der jedes fühlende Wesen anerkannt und gewürdigt wird. Ich träume von einer Welt, in der keine Tiere gegessen werden. Ich träume von einer Welt, in der sich jedes denkende Wesen aller Konsequenzen seines Handelns bewusst ist.

Ich träume von einer Welt, in der jeder einzelne Tod eines jeden einzelnen Individuums allen Menschen gleich weh tut. Als würde jedes Mal die eigene Schwester, die eigene Mutter, das eigene Kind sterben.

Vielleicht ist das ja die Wurzel allen Übels: dass es eine Wertigkeit von Schicksalen gibt. Es ist ja traurigerweise so, dass uns Einzelschicksale von Menschen, die uns nahestehen, sehr berühren – im Gegensatz zu Einzelschicksalen von Menschen auf der anderen Seite der Welt. Die sind für die meisten vollkommen bedeutungslos. Ganz zu schweigen von Leid und Tod von Tieren. Das ist für die meisten Menschen vollkommen bedeutungslos.

Für die meisten. Du, die(der) Du das hier liest, gehörst vielleicht zu den Wenigen, bei denen das nicht so ist. Beim überwiegenden Teil der Erdenbewohner ist das leider schon so.

Noch deutlicher wird die menschliche Ignoranz an der Tatsache, dass uns Schicksale von ganzen Gruppen anderer Wesen nicht berühren. Und je größer die Gruppe, desto wurschter wird sie der menschlichen Psyche. Ein Kind ertrinkt in der Donau? Um Gottes Willen! Große Betroffenheit und Trauer – für ein paar Minuten. In einer meiner Lieblingsserien auf Netflix, Bojack Horseman, wird dieses Phänomen genial persifliert: Immer, wenn eine schreckliche Nachricht die Agentur in der Serie erreicht, sagen alle ganz kurz und schnell „Gedanken und Gebete“ und gehen augenblicklich wieder über zur Businessbesprechung. Facebook bietet da eine wunderbare Möglichkeit: Einfach auf den wütenden oder weinenden Smiley drücken und weiterscrollen. Gedanken und Gebete. Und dann gleich weiter zum nächsten lustigen Witz, den Urlaubsbildern der Facebook-Freunde, oder dem nächsten Katzenvideo.

Täglich ertrinken Menschen im Mittelmeer? Das gibt es nicht mal „Thoughts and Prayers“ – das ist eigentlich normal. Für Manche eine logische Sache: Wie soll man auch in einem Schlauchboot auf hoher See überleben? Selber schuld.

Andere sehen zwar die Not, die hinter so einem suizidalen Verhalten steht, aber was soll man denn schon machen. Gedanken und Gebete.

Wenn im Nachbarhaus das Baby stirbt, ist es ein riesiges Drama für alle. Für die Familien, die Nachbarn, die Freunde und Bekannten. Wenn auf dem afrikanischen Kontinent jeden Tag tausende Kinder unter fünf Jahren sterben, interessiert das nur die allerwenigsten. Was soll man denn schon machen? Gedanken und Gebete. – Aber jetzt los, wir wollen doch zum Wirt zum Schweinsbratenessen fahren.

Viele Menschen, mit denen ich rede, schreien bei meiner, für viele etwas radikalen Meinung: Ja, dann kann man doch gar nichts mehr machen! Da darf ich ja gar nichts mehr essen! Da ist man doch nur noch am Trauern und Verzweifeln! Das ist doch ein totaler Scheiss.

Naja…. Ja, wenn man sich selber als den Nabel der Welt sieht, könnte man schon meinen, eine altruistische Weltanschauung ist übertriebenes Gefühlsgedusel.

Wenn man allerdings einfach mal einen anderen Standpunkt einnehmen würde, weg aus der allwissenden, allesfordernden Mitte, würde man erkennen, dass das eigene Wohl vielleicht gar nicht die zentrale Frage ist. Dass man noch sehr vieles machen/essen/unternehmen könnte, nur eben nicht das, mit dem man bisher sein Leben verbracht hat. Dass es vielleicht wunderbare Dinge gibt, die keinem schaden und vielen nützen. Dass das Leben plötzlich zwar ohne Schweinsbraten, ein riesiges Haus, Urlaubsflügen und dicken Autos auskommen müsste, aber Dinge plötzlich Sinn ergeben würden. Dass es einem mehr geben würde, wenn man Tiere retten, anstatt sie aufessen würde. Dass es ein unglaublich befriedigendes Gefühl ist, zu helfen, Lächeln auf andere Lippen zu zaubern, Bäume vor der Abholzung zu bewahren, Freundlichkeit zu verbreiten, das Leben zu schützen…. Dass Sinn, Glück und Liebe viel wertvoller sind als kurze Befriedigungen in Form von Geld, rücksichtslosem Konsum, wenige Tage Urlaub, und so weiter.

Ich träume von einer Welt, in der jede:r die Gefühle von allen anderen Wesen so sehr respektiert, als wären es die eigenen. Und alle, die jetzt lauthals aufschreien, den Newsletter kündigen wollen, an meiner Tür klingeln und mir erklären wollen, dass das ja so alles nicht geht, denen sage ich einfach nur: Doch, es geht. Du kannst Dich in jedes einzelne Wesen hineinversetzen. Du kannst zuhören, Du kannst lauschen, Du kannst fühlen, Du hast ein Herz! Ich weiß das, weil jedes lebende, fühlende Wesen ein Herz hat.

Auch ein Baum hat ein Herz. Ich verweise hier zum wiederholten Mal auf das wissenschaftliche Werk von Peter Wohlleben, „Das geheime Leben der Bäume“.

Auch eine Spinne hat ein Herz. Auch ein Schwein hat ein Herz. Wie kannst Du Deinen Hund und Deine Katze lieben, und Dich mit ihr unterhalten, aber das Schwein umbringen (lassen)!

In der Welt, von der ich träume, kann jeder Mensch fühlen. In der Welt, in der ich leben möchte, sind die Menschen empathisch und nutzen ihre Menschlichkeit wirklich für Gutes. Bringen das ein, was in der Natur fehlt: Antibiotika im Falle von schlimmen Erkrankungen, damit das verletzte Tierchen wieder gesund werden kann. Hilfe bei Behinderungen und Fehlbildungen. Schutz vor Zerstörung oder Umwelteinflüssen. Das ist doch unsere Stärke, oder? Das ist doch das, was uns am allermeisten von der übrigen Natur unterscheidet: Dass wir ein Hirn haben, das ein bisschen weiter denken kann. Also, die meisten von uns zumindest. Dass wir Hände haben, die Werkzeuge, Prothesen, Gipsschienen oder Wasseraufbereitungsanlagen bauen und benützen können.

Wieso bauen wir Waffen und keine Waisenhäuser, Schulen oder Brunnenanlagen? Wieso bauen wir Chemiefabriken, wenn wir stattdessen riesige Felder von Heilpflanzen anbauen und auf natürliche Weise verarbeiten könnten? Wieso wollen wir unseren eigenen Reichtum vermehren, wenn wir stattdessen die Welt zu einem besseren Ort machen könnten? Am Ende können wir nichts mitnehmen, nur etwas hinterlassen. Was ist es, was von Dir bleiben soll? Ein Haufen Geld, um den die Erben sich am Ende noch schlimm streiten? Oder so viele gerettete Seelen wie möglich? Geiz und Grausamkeiten, Egoismus und Rechthaben, oder Freude und Dankbarkeit?

Wir benützen ja so gerne die Worte menschlich und unmenschlich. Es wäre doch gut, wenn wir wirklich kollektiv auch mal das umsetzen würden, was sie meinen. Wenn wir Menschen endlich einmal menschlich werden würden. Mitgefühl entwickeln würden. Und nicht gleich laut schreien: So ein Scheiss, dann darf man ja gar nichts mehr….!1!!

Egoismus ist eine schlimme Krankheit, die viel zu viele Menschen bis ins Mark befallen hat. Gedanken und Gebete für diese armen Geschöpfe? Nein, ihnen gilt mein echtes, tief empfundenes Mitgefühl.

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