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Kurz, kürzer, am kürzesten – von Algorithmen und Lesefaulheit

Heute möchte ich Dir, liebe Leserin, verehrter Leser, ein bisschen was erzählen über Google, Algorithmen und drei große Buchstaben, die Du wahrscheinlich schon mal gehört hast, Dir aber wenig bis nichts drunter vorstellen konntest: SEO. (Zumindest, wenn Du bislang nichts mit Online-Werbung zu tun hattest. Die Profis lächeln da nur müde, das gehört für sie zum absoluten Grundwissen.)

Ich stelle jetzt mal ganz gewagt die sehr populistische These auf, dass unsere Gesellschaft immer doofer wird.

Apropos doofer: ich dachte eine ganze Zeit lang, SEO wäre vielleicht so was ähnliches wie CEO. Hat eine ganze Zeit lang gedauert, bis ich gecheckt habe, dass CEO, also Chief Executive Officer, der Geschäftsführer, überhaupt nichts zu tun hat mit SEO. SEO ist auch eine englische Abkürzung, heißt aber „Suchmaschinenoptimierung“. (Search Engine Optimization) Naja. Ein bisschen doof ist ja ok, nur sollte man halt immer bereit sein, dazu zu lernen.

Wenn man Lehrern zuhört, war die Schule früher viel schwieriger, wenn man Sportmedizinern zuhört, waren vor allem junge Leute früher viel fitter, wenn man auf Facebook unterwegs ist, hat man das Gefühl, der durchschnittliche User ist ungefähr auf dem Niveau des Homo neanderthalensis, dem jemand ein Smartphone in die Hände gedrückt hat.

Weißt Du, lieber Leser, liebe Leserin, wir beide, Du und ich, wir sind anscheinend eine kleine Sensation. Wir lesen noch lange Texte oder vielleicht sogar hin und wieder ein Buch, wir beschäftigen uns gerne auch mal mit den schwierigen Fragen im Leben, wir haben – sonst wärst Du jetzt nicht hier in meiner Gedankenwelt gelandet – beide Spaß daran, unser Hirn auch mal für Sinnvolles einzusetzen.

Das ist nicht selbstverständlich. Der „Durchschnittsmensch“ ist da nicht so anspruchsvoll. Manipuliert von vorne bis hinten kauft er sich Autos einer „deutschen“ Marke (sorry Leute! Aber die meisten der „deutschen“ Autos sind einfach nur totaler Mist. Technisch veraltet, vollkommen überteuert und nur die Endproduktion in Deutschland – wer sich so ein Auto kauft, ist einfach nur jahrzehntelangem Beutefang der Werbeindustrie auf den Leim gegangen und hat sich in keiner Weise rational mit der Frage, welches Auto das beste und sinnvollste ist, auseinandergesetzt), Süßigkeiten aus der Fernsehwerbung, Waschmittel von großen Chemiekonzernen, Klamotten von sogenannten „Marken“. Und dann jammern oft genau diese Leute, dass sie zu wenig Geld haben. Mittlerweile muss ich innerlich laut lachen und äußerlich leicht grinsen, wenn wieder jemand rumheult, dass er oder sie knapp bei Kasse ist. Wenn man mit so einem Menschen auch nur einen kleinen oberflächlichen Rundgang durch dessen Wohnung machen würde, wäre dem/der neutralen Beobachter*in wohl sofort ziemlich klar, wohin die finanziellen Mittel fließen. Und warum sie nicht auf dem eigenen, sondern auf dem Konto der anderen sind.

Aber ich schweife ab.

Meine These war ja, dass die Menschen doofer werden. Durch das Internet haben wir zwar einen riesigen Zugang zu Wissen aller Art, aber auch hier ist er verstellt von Unmengen an Werbung. Es ist, als wolle man zur Bibliothek, wird aber auf dem Weg dahin hungrig und plötzlich ist alles vollgepflastert mit lauter Schildern, die zu verschiedenen Imbissen, Feinkostlokalen, Döner- und Pizzaständen führen, und an jedem Schild ist nochmal ein Schild, das uns gleich noch auf einen weiteren Wagen oder Verkaufsstand für das passende Getränk hinweist. Da wir ja hungrig sind, und jetzt auch noch ständig draufhingewiesen werden, denken wir uns – ach, so ein kleiner Imbiss kann ja nicht schaden, ich hab ja wirklich den ganzen Tag heute noch nichts gegessen. Dann brauchen wir ja noch was zu trinken. Mittlerweile sind wir eine Stange Geld los, die Bibliothek ist wegen des Umwegs noch ein Stück weiter weg, und so richtig konzentrieren können wir uns jetzt eigentlich auch nicht mehr. Oh, da ist eine Bank! Und die Sonne scheint grade so schön. Dann bleiben wir doch erstmal hier und ruhen uns ein bisschen aus…..

Ihr kennt das? Eigentlich will man nur schnell was im Netz erledigen und zack! ist eine halbe Stunde vorbei. Social Media ist da besonders gefährlich, aber auch auf der Suchmaschine kann man locker mal eine halbe Stunde einfach so verdaddeln.

Wie funktioniert das? Die Antwort darauf heißt eben SEO, die Suchmaschinenoptimierung. Es gibt sogenannte „Keywords“, auch ein Ausdruck aus der Werbebranche. Es gibt bestimmte Wörter, bestimmte Arten von Satzbildung, die der Google-Algorithmus mag und sucht. Also versuchen die Texter, diese Wörter gezielt zu wiederholen, und dabei in leichtverständliche kurze Sätze einzubauen.

Das lesen wir dann, wenn wir grade dabei sind, auf der Suche nach Sinnvollem im Netz zu versinken.

Ganz besonders liebt der Algorithmus Listen. Kennst Du diese Listen, wie Du zum Beispiel „die fünf häufigsten Fehler in einer Bewerbung vermeidest“, „die 10 leichtesten Übungen gegen Rückenschmerzen“ machst, oder in denen Du die „7 besten Tipps zur Vermehrung Deines Vermögens“ bekommst?

Bist Du nicht auch schon an so einer Liste hängengeblieben?

Ich schon, besonders bevor ich angefangen habe, die Algorithmen von Google und Co. zu durchblicken.

Mittlerweile scrolle ich gerne ein bisschen weiter nach unten, um zu sehen, ob ich auch wirklich gehaltvolle und gute Texte finde. Aber wer macht das schon? Die oberste Platzierung ist für viele Firmen der Garant für Erfolg. Denn die meisten Leute klicken eben dann doch auf das, was als erstes angezeigt wird.

Sie kaufen sich dann das entsprechende Auto, oder bestellen für viel Geld Klamotten beim bekannten Onlineversandhaus, obwohl man sich für den gleichen Betrag auch fair gehandelte Kleidung kaufen könnte. Sie denken dabei nicht nach, sondern machen das, was die Suchmaschine dank optimierter Beschreibung für sie ausgesucht hat.

Können wir aktiv etwas dagegen tun? Gegen die Reizüberflutung, gegen die Kultur der Einwortsätze, für die Stärkung des kollektiven Bewusstseins und der gesamtgesellschaftlichen Intelligenz?

Ich sage: na klar! Die Antwort ist so einleuchtend, wie einfach. Sie funktioniert in allen Lebensabschnitten, und je eher man damit anfängt, desto besser. Die Antwort ist: lesen.

Lest Bücher, lange Artikel aus Fachzeitschriften oder von weiter unten in der Google-Liste. Wenn Ihr nicht so gut in englisch seid: quält Euch mal wieder durch einen englischen Text oder Podcast.

Streng Dein Hirn an! Der Geist ist genau wie der Körper: wenn er nicht trainiert wird, schlafft er ab und braucht Hilfsmittel. Wie zum Beispiel „optimierte“, kurze Texte, die Du nicht genießen oder bewusst lesen musst, sondern einfach nur schnell mal wie eine Milchschnitte konsumieren kannst.

Und hinterher wundern sich die Leute, wenn sie zu dick sind, und der Geldbeutel so leer wie das Hirn.

Gut, dass wir beide, Du und ich, nicht so sind.

Wir schlagen den Optimierungen und Algorithmen ein Schnippchen und lassen uns nicht aufs Kreuz legen. Wir wissen es besser. Und hier verrate ich Dir jetzt die

FÜNF BESTEN TIPPS, WIE DU DER VORANSCHREITENDEN DUMMHEIT ENTGEGEN TRETEN KANNST!

Nein, das war natürlich nur ein Scherz! Das machst Du ja schon dadurch, dass Du meinen enorm langen Text hoffentlich mit Interesse und vielleicht auch mit ein bisschen Freude gelesen hast, und indem Du – und das ist ja irgendwie für alles im Leben immer die beste Möglichkeit der positiven Einflussnahme – mit gutem Beispiel vorangehst.

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