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Interview mit MdB Erhard Grundl

Clubsterben, Corona und die Kultur

Diese Woche hatte ich das große Vergnügen, ein Interview mit unserem niederbayerischen Bundestagsabgeordneten der Grünen, Erhard Grundl führen zu dürfen.

Als wir telefoniert haben, saß er im Zug auf dem Heimweg nach Straubing. Aktuell ist er unterwegs auf Kultur-Tour: er unterhält sich mit Kulturschaffenden aller Couleur in ganz Deutschland, hört sich ihre Sorgen und Nöte an, versucht, sich für sie einzusetzen.

Da wir bei den Happyfields ja die Allianz der Altruisten sind, interessieren wir uns natürlich für die Lage der Künstler und Künstlerinnen und allen Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen (oder im Moment passender: dafür gesorgt haben), dass Kultur in allen ihren Facetten stattfinden kann.

Erhard, wie ist denn die Lage der Clubs und der Kulturszene aktuell?

Die Situation ist ganz unterschiedlich. Insgesamt ist es natürlich eine schwierige Sache, weil gerade in Clubs und auf Konzerten die körperliche Nähe zwischen den Besuchern praktisch unvermeidbar, oder eher ein Teil des Erlebnisses ist. Alle schwitzen, alle feiern – das geht halt zur Zeit einfach nicht. Manche Clubbetreiber:innen versuchen, ihre Parties nach draußen zu verlegen, aber das ist auch keine echte Lösung. Außerdem kommt bald der Winter, da geht dann nicht mal mehr das.

Natürlich gab es Hilfen vom Bund, aber seit ein paar Monaten ist eigentlich klar, dass die oftmals nicht passen, weil sie nur für Betriebskosten, aber nicht für die Lebenshaltung ausgegeben werden würfen. Da müssten dann die Bundesländer oder sogar Kommunen einspringen und Förderungen und Hilfen bereitstellen. Das klappt in manchen Regionen ganz gut, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg. In anderen Ländern, wie in Bayern funktioniert das eher schlecht – da wurde viel angekündigt, aber wenig umgesetzt.

Insgesamt ist es wichtig zu wissen, dass viele Clubbetreiber:innen tatsächlich soloselbstständig sind. Die haben vielleicht ein paar wenige 450 Euro-Kräfte, aber keine „richtigen“ Angestellten. Die fallen ganz schnell alle Beteiligten durch alle Raster.

Was ganz wichtig ist: es geht mir nicht nur um die Clubs und die Musiker:innen, es geht hier um alle Soloselbstständigen! Es kann doch nicht sein, dass jemand, der einfach auf Grund von äußeren Umständen gerade nicht arbeiten KANN und DARF, und keine sogenannten laufenden Kosten hat, sofort Hartz 4 beantragen muss!

Baden-Württemberg hat das meiner Ansicht nach wirklich vollkommen richtig gemacht mit dem fiktiven Unternehmerlohn. Das sind 1180 Euro im Monat, davon könnten sich die Leute den Kühlschrank vollmachen und die Miete bezahlen.

Ganz ehrlich: Hartz 4 erweist sich in dieser Krise als Schmarrn. Klar waren wir Grünen damals an der Einführung mitbeteiligt, und es war eine Zeit lang bestimmt ein wirksames Instrument, um aus der damaligen schlechten Wirtschaftslage raus zu kommen.

Aber so ein System über 15 Jahre unverändert so zu lassen, und nie nach zu justieren, das fällt uns jetzt voll auf die Füße! Es kann doch nicht sein, dass das Jobcenter von einem/einer Musiker:in verlangt, er soll erst mal sein teures Instrument verkaufen, bevor er bezugsberechtigt ist. So wird dann jedem Menschen gleich schon mal von vornherein die Grundlage entzogen, mit der er oder sie hinterher befähigt wäre, seine/ihre Arbeit wieder aufzunehmen!  

Und nach einem halben Jahr Pandemie helfen auch keine Durchhalteparolen mehr. Denen geht jetzt einfach das Geld aus. Und es gäbe ja wirklich viele Möglichkeiten.

3,5 Millionen Leute sind in Deutschland soloselbstständig, über 20% von ihnen in der Kreativbranche. Und da geht es ja nicht nur um die Clubs, oder die auftretenden Künstler und Künstlerinnen. Es gibt ja noch so viele mehr, die den kulturellen Betrieb immer am Laufen gehalten haben: Maskenbilder:innen, Tontechniker:innen, Beleuchter:innen, und so weiter. Den Musiker:innen geht es aktuell schon sehr schlecht, die Leute hinter der Bühne fallen Buchstäblich total hinten runter.

Ich höre nicht auf, genau die, die Soloselbstständigen in ihren ganzen facettenreichen Tätigkeiten auf allen Kanälen zu Wort kommen zu lassen. Die Frage ist: Was wollen wir denn hinterher, nach der Krise, für eine Gesellschaft haben?

Wollen wir ein breites niederschwelliges kulturelles Angebot haben? Ich möchte mehr kulturelle Teilhabe erreichen. Das ist eines meiner wichtigsten politischen Ziele. Aber um die Kulturlandschaft, wie wir sie jetzt noch haben, hinterher wiederaufzubauen, das kostet auf jeden Fall mehr Geld als übergangsweise Unterstützung.

Hartz 4 passt nicht – die Leute sind ja nicht „arbeitssuchend“, die können einfach momentan aufgrund der Lage nicht arbeiten gehen.“

Wie ist Dein Ausblick auf die Zukunft? Was wäre das Beste, und was das Schlechteste, das passieren könnte?

Das Schlechteste fällt mir sofort ein: Das Schlimmste wäre, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig an Covid19 erkranken würden. Dann würden wir unser Gesundheitssystem an den Rand seiner Kapazitäten bringen. Das wäre das Schlimmste. Das müssen wir verhindern.

Das Beste wäre, wenn bald ein Impfstoff kommt. Bis dahin wäre das Beste, wenn wir lernen, mit der Gesamtsituation und den Folgen der Pandemie gut umzugehen, und wenn unter neuen Voraussetzungen und mit guten Konzepten wieder Veranstaltungen stattfinden könnten.

Ich wünsche mir, dass die Politik es schafft, einen Silberstreif hinzubekommen.

Dafür setze ich mich ein, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Lieber Erhard, von Herzen danke, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast, und ein riesiges Dankeschön für Dein Engagement für die Kultur in ihrer bunten Vielfalt!

„Der Dank geht zurück und viele Grüße an Deine Leser*innen und Eure Happyfields!“

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Roland

    „Das Schlechteste fällt mir sofort ein: das Schlimmste wäre, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig an Covid19 erkranken würden. Dann würden wir unser Gesundheitssystem an den Rand seiner Kapazitäten bringen. Das wäre das Schlimmste. Das müssen wir verhindern.
    Das Beste wäre, wenn bald ein Impfstoff kommt. Bis dahin wäre das Beste, wenn wir lernen, mit der Gesamtsituation und den Folgen der Pandemie gut umzugehen, und wenn unter neuen Voraussetzungen und mit guten Konzepten wieder Veranstaltungen stattfinden könnten.
    Ich wünsche mir, dass die Politik es schafft, einen Silberstreif hinzubekommen.
    Dafür setze ich mich ein, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.“

    Kurzum: das gleiche typische Politikergefasel wie man es gewohnt ist.
    Klug daherreden – und nichts passiert.
    Außer dass Menschen die gegen diesen Irrsinn auf die Straße gehen pauschal diffamiert werden,
    indem man Sie in einem Atemzug mit Spinnern, Verschwörungstheoretikern, Nazis etc. in einen Topf wirft.
    Und die Politik steuert die Spaltung der Gesellschaft noch gezielt und schürt immer weiter an.
    Höchste Zeit dass dieses Parteien- und Lobbyistensystem sein Ende findet und jeder das bekommt, was er verdient. Das Karma kann auch nicht ewig Urlaub machen…

    1. Katrin Zwickl

      Lieber Roland, Du weißt, ich schätze Dich als Mensch sehr! Wir beide haben ja mittlerweile schon viele gemeinsame Jahre in Freundschaft hinter uns, und sind ja eh fast nie einer Meinung. Das macht ja im Prinzip nichts – wenn ich mir meine Freunde nur nach der gleichen Meinung aussuchen würde, wäre ich alleine auf der Welt. Ich bin auch mit meinem Gatten nicht immer einer Meinung, und eine meiner besten Freundinnen hat vergangene Woche meinen Beitrag nicht auf Facebook geteilt, weil sie überhaupt nicht damit einverstanden war, was ich geschrieben habe.
      Das ist das Leben, das ist gut so.
      Von einem Ende des Parteiensystems zu sprechen, finde ich dahingehend problematisch, dass ich schon der Meinung bin, dass wir in einem guten Land und einem funktionierenden Rechtsstaat leben.
      Wie Du weißt, bin ich seit 15 Jahren Grünes Parteimitglied und immer noch happy damit.
      Aber auch da gehen sowohl die Meinungen zwischen uns beiden, als auch in unserem Land weit auseinander. Das müssen wir alle aushalten.
      Deiner Aussage mit dem Karma muss ich allerdings als Mensch, der im Buddhismus lebt und sich einigermaßen damit auskennt, aber deutlich widersprechen.
      Karma lösen wir alle immer nur für uns individuell aus – mit Worten, Gedanken und Taten. Nie ein ganzes System, weil ja ein Konzern beispielsweise nicht wiedergeboren werden oder ins Nirwana eingehen kann. Das heißt, jeder Mensch sorgt für sein eigenes Karma. Was Du denkst, auch über andere, wird, sagt Karma, immer nur Dir selber widerfahren. Deshalb ist es immer gut, lösungsorientierte Gedanken der Wertschätzung zu denken und dementsprechend zu handeln. Wer etwas umstürzen, vernichten, beenden, oder so, möchte, dem wird nur selber der Umsturz und Gewalt drohen. Karma ist individuell, nicht kollektiv. Was Du heute denkst und tust, sagt Karma, wird Dir morgen selber passieren.
      Deshalb: lieber den Kampf in sich beenden, nicht gegen ein „System“ im Außen kämpfen. Friedvolle Menschen schaffen friedvolle Dinge in einer friedvollen Atmosphäre. Rebellen schaffen immer wieder nur Rebellion. Kämpfer schaffen immer wieder nur Kampf. Eine Grundhaltung gegen etwas, schafft nur immer wieder Widerstände. Im Innen und im Außen.
      Wir können doch jetzt nicht anfangen, die Menschen danach zu bewerten, ob sie eine Maske aufhaben, oder für oder gegen die Maßnahmen sind.
      Wir sind doch alles Individuen mit einer Geschichte, einer Meinung, und individuellen Erfahrungen.
      Ich kann jeden verstehen, der nicht mit „dem System“ oder den Maßnahmen, oder „der Maske“ einverstanden ist. Ich würde dafür nie jemanden verurteilen.
      Aber ich finde halt, ein respektvoller Umgang wäre eine Basis. Und „Politikergefasel“ über ein Interview mit einem langjährigen guten Freund von mir, den ich schon lange vor seinem Weg in den Bundestag kennen und schätzen gelernt habe, das empfinde ich zum Beispiel nicht als respektvoll.
      Dabei wissen wir doch alle: behandle Dein Umfeld (ob virtuell oder „real“) immer so, wie Du selber gerne behandelt werden möchtest.
      Das kommt dann alles zu Dir zurück, sagt das Karma.
      Und das ist es doch eigentlich, was wir uns alle wünschen: respektvoll behandelt werden, in freundliche Gesichter schauen (das geht auch mit Maske), gehört werden, gesehen werden, akzeptiert werden.
      Und wenn wir uns das wünschen, ist es ziemlich sinnvoll, bei sich selber damit anzufangen, finde ich. Und sagt auch das Karma.

  2. Ilse

    Lieber Roland, wie in Berlin gesehen sitzen die Nazis schon feste mit im Topf. Und wer es als Organisator einer Demo oder Kundgebung nicht hinbekommt, sie draußen zu halten oder sich auch nur von ihnen zu distanzieren, der kann es einfach nicht und sollte es lassen. Im Übrigen derselbe Vorwurf, der allen „linken“ oder grünen Demos stets gemacht wurde, wenn der schwarze Block auftauchte.

    1. Katrin Zwickl

      Liebe Ilse, ich mag Deinen Kommentar! Was politische Fragen angeht, passt halt einfach kein Blatt Papier zwischen uns, gell? 😀

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