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Geh mit gutem Beispiel voran!

In meiner Praxis behandle ich immer wieder Menschen, die sich über ihre Mitmenschen ärgern. Oft sind es Ehefrauen, die mir erzählen, dass der Mann viel zu wenig Gymnastik und Übungen macht, obwohl er sie so dringend brauchen würde. Oder es sind Väter und Mütter, die sich über die Unordnung ihrer Teenager aufregen.

Was genau so oft passiert: Leute, die sich über Politiker oder Promis aufregen, weil die irgendetwas total falsch machen. Wie können die nur so handeln, oder solche Dinge erzählen, oder einfach so sein, wie sie sind. Falsch, angeberisch, dumm, größenwahnsinnig, verlogen, korrupt – die Liste ist lang an Vorwürfen, die Menschen anderen gegenüber äußern.

Dann sag ich sowas wie: „Bist Du immer ohne Fehler?“ – „Natürlich nicht! Ich hab auch meine Fehler, aber DAS würde ich niemals machen!“

Ich hab das auch manchmal. Es gibt Momente, da sehe ich meinen Liebsten und denke mir, dass er öfter Gymnastik machen sollte. Und sich gesünder ernähren.

Aber dann reflektiere ich das, und denke mal ganz ehrlich über mich nach. Mach ich genug Übungen? Ernähre ich mich gesund genug? Ehrlicherweise ist die Antwort auf beide Fragen ein Nein. Nein, ich könnte wirklich mehr für mich tun. Und ich könnte auch in Bezug auf Ernährung oft noch achtsamer sein.

Vor allem in den sozialen Netzwerken sind die Vorwürfe an unsere Regierung schreiend laut. Ich denke mir immer, dass ich einfach nur froh bin, nicht an deren Stelle zu sein. Seit 18 Monaten rudern wir rum in einer Pandemie, und es gibt die verschiedensten Empfehlungen, ständig neue Erkenntnisse und insgesamt eine riesige Unsicherheit.

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wie mit einer Pandemie umgegangen wird. Angenommen, einige der Virologen würden recht behalten, und es würden tatsächlich plötzlich Menschen sterben. Wegen meiner Fehleinschätzung! Dann wäre das Geschrei ja auch riesengroß, oder noch viel größer!

Grade die Kritiker:innen, die immer so gerne von sich behaupten, der Tod wäre normal und würde zum Leben dazugehören, sind glaube ich, nicht mehr so cool, wenn es um die Sterberei in ihrem nahen Umfeld geht.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich Menschen gibt, die keine Angst vor dem Tod haben. Wenn man sich nämlich mal ernsthaft mit dem Sterben auseinandersetzt, das eigene Testament schreibt, oder die letzte Seite im Buch des eigenen Lebens, dann wird, glaub ich, jedem und jeder irgendwie komisch zu Mute.

Es scheint so zu sein, als hätten die Menschen kollektiv nicht so ausgeprägte Fähigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen. Empathie heißt das, glaub ich. Menschen sind keine sehr empathischen Wesen. Dabei wäre Empathie so wichtig. Stellt Euch mal vor, wie die Welt aussehen würde, wenn die Israelis sich mal in die Palästinenser hineinversetzen würden, oder die Moslems in die Christen, oder Eltern sich in ihre Kinder, oder Fleischesser in die Viecher, die sie aufessen. Stellt Euch mal vor, wie schnell sich die Welt in ein Paradies verwandeln würde!

Aber das ist die Welt im Moment ganz und gar nicht – ein Paradies. Aber Du, der/die Du diesen Text grade liest, willst vielleicht helfen, die Welt besser zu machen. Vielleicht glaubst Du wie ich daran, dass die Welt irgendwann ein Paradies sein kann. Vielleicht bist Du eine:r dieser unverbesserlichen Optimist:innen, die daran glauben, dass irgendwann alles gut werden kann.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Möglichkeit immer noch besteht, die Welt zu einem Paradies zu machen. Ich bin sogar der Meinung, dass die Zeiten nie besser waren, weil im Moment ein großer Bewusstseinswandel durch die Welt geht. Immerhin liest Du grade diese Zeilen, das heißt, auf irgendeine Weise bist Du auch daran interessiert, die Welt zu retten. Die Menschheit zu retten. Du bist bereit, neue Wege zu gehen, Dinge in Frage zu stellen, die lange Zeit einfach normal waren, irgendwo in Deinem Herzen ist eine Aktivistin/ein Aktivist.

Selbst wenn Du nur zufällig hier gelandet bist, falls es Zufälle überhaupt gibt, kannst Du vielleicht etwas für Dich mitnehmen. Und mit jeder Erkenntnis steigt die Chance darauf, dass doch noch alles gut wird.

Aber wie soll das gehen? Du bist ja nur ein kleines Licht im Vergleich zu großen Konzernen und Spitzenpolitikern, die alles mit einem Fingerschnippen ändern könnten.

Ja, vielleicht stimmt das. Aber weißt Du was? Ohne Deine Bestellungen bei amazon hätte Jeff Bezos niemals ins All fliegen können. Wenn Du nie wieder bestellt, trägst Du zumindest nicht mehr zum Vermögensaufbau von ihm bei.

Verstehst Du, was ich meine? Und es bringt auch nichts, andere bekehren zu wollen, oder an anderen rumzuzupfen.

Die Lösung ist so einfach wie schwierig: Geh immer mit gutem Beispiel voran. Du siehst, wie jemand seine/ihre Kinder anschreit? Sei zu Deinen eigenen und zu allen Kindern, die Dir begegnen, noch ein Stück freundlicher.

Dein Partner ernährt sich ungesund? Koch Dir Gemüserisotto und kümmere Dich um Dich selber.

Die Leute sind alle grantig und aggressiv? Sei so nett wie möglich.

Was sagte unser Herrgott in Bezug auf die linke Wange? Das ist bis heute ein guter Tipp.

Sei geduldig. Mit Dir und den anderen. Wenn Dir einer eine reinhaut, schlag nicht zurück. Frag ihn vielleicht in aller Ruhe, wieso er das gemacht hat. Sag, dass es Dir wehgetan hat. Sei verletzlich.

Und bevor Du den ersten Stein wirfst, versetz Dich in den anderen hinein. Vielleicht hast Du ähnliche Reaktionsmuster, nur in anderen Situationen oder anderen Ausprägungen.

Sei immer ein gutes Vorbild. Macht jemand etwas schlecht, mach Du es besser, anstatt zu nörgeln. Sei eine Macherin, ein Macher, kein Opfer. Sei empathisch, freundlich, verzeihend.

Aber am wichtigsten: Mach es zuerst in Deinem eigenen Leben besser. Sei ein gutes Vorbild. Stell Dir vor, das würde jeder und jede so machen? Dann wäre die Welt ein Paradies.

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