Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Welt ist ein Irrenhaus geworden. Die größten Verbrecher tragen Anzug und Krawatte, sind zuallermeist männlich und auf eine vollkommen dekadente Weise „erfolgreich“.

Erfolgreich ist heute jemand, der möglichst viel Geld und möglichst viel Macht hat, der andere durch sein Auftreten beeindruckt, eine teure Uhr am Handgelenk hat, das größte Haus, das protzigste Auto, ein riesiges Boot – im Idealfall sieht man schon von Weitem, dass da jemand daherkommt, der von allem das Größte und Beste hat, ja selber das Größte und Beste ist.

Es ist wichtig, sich Vermögen aufzubauen, Karriere zu machen, in einer künstlich geschaffenen Hierarchie möglichst weit nach oben auf die Leiter zu kommen. Zwei Dinge sind dafür nahezu die einzigen Bemessungsgrundlagen: Macht und Geld. Wer viel Geld hat, gilt als reich, erfolgreich und, wenn auch auf eine recht flache Art, glücklich. Wer wenig(er) Geld hat, muss demnach unglücklicher und erfolglos sein. Das ist ein gängiges Paradigma unserer Zeit. Für alle, die eventuell nicht so genau wissen sollten, was ein Paradigma ist, hier die Kurzdefinition: eine vorherrschende und damit musterbildende theoretische Orientierung. (Ein kurzes Beispiel: lange Zeit dachte man, die Erde wäre eine Scheibe. Das war ein Paradigma. Als dann langsam in ein kollektives Bewusstsein gesickert ist, dass sie in Wirklichkeit eine Kugel ist, kam es zu einem sogenannten Paradigmenwechsel.)

Unser vorherrschendes Wirtschaftsparadigma lautet: Geld ist alles. Nur mit Geld kann sich der wirkliche Wert einer Sache oder eines Unternehmens berechnen lassen, kann sich ein Bruttoinlandsprodukt oder eine Steuerprognose darstellen lassen. Wir haben vollkommen den Blick dafür verloren, wofür Geld eigentlich geschaffen wurde: als eine Vereinfachung von Tauschgeschäften.

Heute ist es Mittel zum Zweck geworden. Etwas, das man sich anhäuft, oder zur Schau stellt, etwas, das man unbedingt haben muss, oder viel zu wenig davon hat. Geld ist das einzige geworden, was wirklich zählt.

Und wozu hat das geführt? Zu Ausbeutung, Kriegen, Tierquälerei, Umweltzerstörung. Wenn plötzlich Geld das einzige Gut ist, das berücksichtigt wird, ist die Abholzung der Regenwälder fast schon in sich, auf eine sehr kranke Weise, logisch. Was kümmert es mich, dass kommende Generationen nicht mehr atmen können, wenn ich in diesem Leben auf Kosten dieser Wälder einen riesigen monetären, und damit einzig wichtigen Reichtum anhäufen kann? Ein gutes Beispiel dafür ist wohl der brasilianische, jetzt hätte ich fast Diktator geschrieben, Staatschef. Macht und Geld auf Kosten von unfassbarer Zerstörung scheint in Brasilien zum guten Ton zu gehören.

Langsam wird wohl auch dem letzten menschlichen Wesen bewusst, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann und wird.  Erst diese Woche habe ich auf der Greenpeace-Seite wieder gelesen, dass sich die Wissenschaft ziemlich einig ist, dass wir jetzt schon in rasendem Tempo auf den Abgrund zufliegen. Und dass das Einzige, was die Menschheit und die ganze Welt noch vor „unermesslichem Leid“ retten kann, ein sofortiges, radikales Umdenken ist.

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie wäre dafür ein perfekt passender Hebel. In ihr wird Geld wieder zu dem, was es ist: ein Tauschmittel. Die Gemeinwohl-Ökonomie bemisst Menschen, Unternehmen oder Projekte eben nicht mehr nach monetären Gesichtspunkten, sondern nach ihrem Nutzen für die ganze Welt. Für Menschen, Tiere, und „Umwelt“. (Ich mag das Wort Umwelt nicht mehr so besonders gern, das hat immer etwas Trennendes. Hier bin ich, und da ist die Umwelt. Dabei sind wir ja alle ein untrennbares Kollektiv. Ich werde bestimmt bald ein geeigneteres Wort finden – vielleicht fällt einem*r der lieben Leser*innen eins ein.)

Der Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung ist der Österreicher Christian Felber. Er war bereits Mitbegründer von attac Österreich und hat seine Idee sogar bereits in einigen Kommunen umgesetzt, die auf Basis des Nutzens für alle ihre Kommunalpolitik ausgerichtet haben.

In vielen Studien ist bereits bewiesen, dass Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen, oder im Falle von Kommunen der Bürger*innen, am Ende auch auf einer finanziellen Ebene Erfolg bringt. Es ist wohl tatsächlich so, dass ethisch-morlisches Handeln am Ende auch nachhaltigen Wohlstand zur Folge hat.

In einem Interview hat Christian Felber eine Zwölfjährige zitiert, die die Gemeinwohlökomie auf ihr Hauptmerkmal reduziert hat: „…wenn es für alle Sinn macht.“

So hab ich das auch verstanden. Es geht um eine Welt, in der es eine neue Währung gibt: Sinn statt Geld.

Wäre das nicht eine wunderbare Welt, die sich da auftut? Wäre das nicht eine echte Utopie, wenn jedes Leben auf dieser Erde gleich viel wert wäre? Wenn die/derjenige am erfolgreichsten und angesehensten ist, der/die am meisten Gutes für die Welt tut?

Wäre es nicht wundervoll, wenn es keine Massentierhaltung und Fleischerzeugung zu Dumpingpreisen mehr geben müsste, weil sich jede*r bemühen würde, nicht noch reicher, sondern ein noch besserer Mensch zu werden?

Die Gemeinwohl-Ökonomie wäre da eine durchdachte Sache, mit der man in kürzester Zeit eine Veränderung herbeiführen könnte. Aber so einfach ist es nicht – weil, wenn es allen Wesen auf unserer Erde besser gehen soll, würde es einigen weniger schlechter gehen. Weil, dann müssten sie ja auf ihre Macht und ihr Geld verzichten. Und wer will das schon in der heutigen Zeit….

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Roland

    Spricht mir aus der Seele – und Du kennst ja meine Geschichte. Ich habe bis vor 10 Jahren das vier- bis fünffache dessen verdient, was ich heute verdiene. Ich hab auch meinen Preis dafür bezahlt, jahrelang mein Gehalt eher als „Schmerzensgeld“ zu beziehen. Demzufolge war der berufliche Wechsel nicht gerade freiwillig – aber es war der Schuss den ich hören musste um mein Leben grundlegend zu verändern. Und bereut hab ich es keine Minute.
    Lebensqualität und Erfüllung in dem was man tut ist so viel wichtiger als Geld – und wahrer Reichtum bedeutet für mich, selbstbestimmt und Herr meiner eigenen Zeit und Aktivitäten zu sein. Von Leuten denen ich mit meiner Arbeit gutes tue oder sie damit erfreue ein positives Feedback zu bekommen, ist meistens für die Seele so viel mehr wert als ein Geldeingang auf dem Konto.
    Bevor ich anfing beruflich das zu tun was mich erfüllt und was ich gerne mache, war ich innerlich immer rastlos, unvollständig und einfach unzentriert. Diesen Wechsel zu vollziehen hat mich zu mir selbst geführt, mich zentriert und und meine Lebensqualität extrem verbessert. Ich hab gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist.
    Für sich selbst: geistige Unabhängigkeit von Meinungen anderer – Rückgrat haben, möglichst finanzielle Unabhängigkeit von anderen (soweit wie nur möglich – und man kommt mit weniger aus als man denkt.).
    Für andere: Aufrichtigkeit, auch wenn es manchmal beiden weh tut. Verlässlichkeit & Kontinuität in Wort und Tat.
    Es wäre eigentlich ganz einfach. Aber der erste Schritt zur Selbstbefreiung ist der schwerste.

    Eine Umkehr in den Werten wäre so dringend und bitter nötig. Ich hoffe so sehr, dass die Kehrtwende gelingt, bin aber leider nicht gerade optimistisch. Narzisstische Psychopathen gibt es immer mehr und die Vorgänge in unserer Gesellschaft leisten nicht gerade einen Beitrag dazu, diese Quote in Zukunft zu senken.
    Machtspiele und Korruption sind in der Politik und den Führungsetagen mittlerweile Tagesordnung. Letzteres geschieht in der Politik mittlerweile ja bereits offiziell, ungeniert und auch noch völlig ungestraft.
    Wie sollen sich in so einem derart versauten System und einer derart kranken Gesellschaft die Dinge zum positiven ändern? Es geht wohl nur, indem man immer und immer wieder versucht, die Menschen zum nachdenken anzuregen und zu sensibilisieren, für das was alles schief läuft. Ich verbrenne mir damit ja regelmäßig den Mund.
    Aber ich lasse damit einfach nicht nach, weil ich denke dass das ein wichtiger Beitrag ist, den ich zu einer Umkehr von Denken und Handeln leisten kann.
    Liebe Grüße und eine schöne Woche!

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